Hier noch einmal ein Gedanke ganz allgemein zum Thema Persistenz und der Frage, wie ein endurierender Kern in der Zeit wirken kann.
Wenn ich mir die Sache thomistisch angucke, stelle ich folgendes fest: Das Bild von der Substanz als einem statischen Wirklichkeitsklötzchen ist vielleicht etwas einfach. Wenn man einen analogen Seinsbegriff hat, kann man „innerhalb“ des substanziellen Kerns nochmal differenzieren zwischen Seinsmodalitäten: Akt und Potenz. Man kommt dann zu den Koprinzipien von Form (als Akt) und Materie (als Potenz). Beide sind keine „fertigen Dinge“ (entia quae), sondern nur etwas, „wodurch das, was ist, existiert“ (entia quibus). So ein ens quo existiert also nie für sich alleine, sondern nur zusammen mit seinem Korrelat, und beide konsituieren eine Substanz (d.h. zwischen ihnen besteht eine Realdistinktion: Sie sind unterscheidbar, aber nicht trennbar). Jetzt muss zusätzlich noch zwischen der Substanz und ihrer Existenz unterschieden werden. Die Substanz ist identisch mit ihrer Existenz nur in Gott. Bei uns ist es verschieden. Das Wirken einer Substanz setzt ihre Existenz voraus. Da Existenz und Substanz verschieden sind, also auch Substanz und ihr Wirken: D.h. es folgt direkt, dass die Substanz nie unmittelbar wirkt – unmittelbar wirken tut sowieso nur die göttliche Substanz, in der Dasein und Wirken schlichtweg identisch sind, die endliche Substanz wirkt grundsätzlich nur vermittelt durch Potenzen (welche Akzidentien sind – d.h. sie kann mal wirken, mal nicht: Sie ist nicht kraft ihres Daseins immer „in actu“ tätig, das ist nur Gott. Es folgt aus ihrer Endlichkeit schon, dass ihr Wirken zeitlich ist).
Jetzt hängen diese Aktivpotenzen (als Akzidentien) nicht an der Substanz wie Klamotten an einem Körper, sondern sie inhärieren ihr: Eine Änderung der Akzidentien lässt die Substanz nicht unberührt. Nun kann eine Substanz ihre Form – ihre Washeit, quidditas – nicht ändern. Sie bleibt immer, WAS sie ist. Aber sie kann mehr oder weniger werden, WAS sie ist: Sie kann ihre Vollform anstreben. D.h. sie ist teleologisch zu verstehen. Eine endliche Substanz hat ihre Vollform noch nicht erreicht, weshalb sie sich qua Substanz verändern muss, in dem Sinne, dass sie das, was sie bereits ist, „mehr“ wird. Es handelt sich um eine Art intensive (qualitative), nicht extensive (quantitativ-raumzeitliche) Änderung.
Was haltet ihr davon?
Ruben
5. Juni 2009 at 15:45
Irgendwie eine eigene Welt, die Scholastik, das Vorurteil, dass sie für jedes Problem eine eigene Unterscheidung aufmacht, ist nicht von der Hand zu weisen (aber das ist ja nicht unbedingt schlecht.
Das Problem ist, wie eine Substanz etwas ändern kann. Du schreibst
dass die Substanz nie unmittelbar wirkt – [...] die endliche Substanz wirkt grundsätzlich nur vermittelt durch Potenzen (welche Akzidentien sind – d.h. sie kann mal wirken, mal nicht [...]
Trotzdem hat sie Aktivpotenzen? Woher kommen die? Wie werden sie ausgelöst? Hängen sie irgendwie von der Form ab?
Mir hülfe auch ein Beispiel: Ist beispielsweise „ins Gymnasium gehen oder in die Realschule oder in die Hauptschule“ eine Aktivpotenz eines bayrischen Viertklässlers (die irgendwie zu seiner Vollform als Theoretiker oder Praktiker beiträgt)?
5. Juni 2009 at 16:45
Woher die Aktivpotenzen kommen, das weiß ich auch nicht. Eine Aktivpotenz ist nur eine Potenz zur Hervorbringung einer Wirkung (potentia operativa), im Gegensatz zu einer Passivpotenz, die eine Potenz zum Erleiden einer Wirkung ist. Eine Aktivpotenz hat eine (lebendige) Substanz immer.
Der springende Punkt ist hier vermutlich auch wieder, wie das Verhältnis von Substanz zur Aktivpotenz ist. Zwischen Substanz und dieser Potenz kann es keine causa efficiens geben. Es ist vermutlich eine causa formalis. Das setzt irgendwo aristotelische Ursachenlehre voraus…
5. Juni 2009 at 17:17
Zwischen Substanz und Potenz braucht es keine causa efficiens zu geben. Warum nicht die aktive Potenz mit der O’Connorschen intrinsischen Disposition identifizieren? Dass etwas intrinsische Eigenschaft ist, das meinst du vielleicht mit inhärieren der Aktivpotenz im Gegensatz zum Kleiderständermodell von Eigenschafts-Anhängen.
… das geht ganz ohne Form/Materie und Akt/Potenz Terminologie. Was ist also der Gewinn der scholastischen Terminologie?
5. Juni 2009 at 19:45
Mir kam es auch hauptsächlich auf den Punkt der „veränderlichen“ Substanz an. Wir hatten ein Problem mit enduranten Kernen, wie diese als unveränderliche Kerne etwas in der Zeit verursachen könnten. Die scholastische Theorie sagt: Die Kerne sind nicht schlechthin unveränderlich, sondern teleologisch strukturiert. Das bekommt man mit einem analogen Seinsbegriff und den Seinsmodalitäten von Akt und Potenz hin. Wenn die O’Connorschen intrinsischen Disposition noch dazu passen, umso besser.