In Leibnizens “Neues System der Natur und der Gemeinschaft von Substanzen, wie der Vereinigung zwischen Körper und Seele” (1995) ist mir nicht ganz klar, ob er eine scharfe Grenze zwischen den geistigen und ungeistigen Substanzen (später Monaden) ziehen will oder ob dazwischen ein Kontinuum ist. Will mal ein bischen frech dafür argumentieren, dass die Grenze fließend ist. Zunächst die drei Leibnizschen Begründungen.

(a) Die große Betonung des Unterschiedes auf 261, 20 könnte bloße Rhetorik sein.

(b) Ernster zu nehmen ist sein Verweis darauf, dass für die Geister andere Gesetze gelten: nicht nur die physikalischen (das sind mechanische Regeln), sondern die Gesetze der Moral (264,4), “der Glückseligkeit der Guten und der Strafe für die Bösen” (231, 35-6). Dass die moralischen Regeln die mechanischen nicht völlig außer Kraft setzen, belegt 263, 24-30. (Gott sichert, dass durch Veränderungen in der Materie nicht der Verlust der moralischen Eigenschaften der Persönlichkeit herbeigeführt werden kann.)

(c) Ein zweites ernst zu nehmendes Unterscheidungsmerkmal ist, dass die Körper nur um der Geister willen da seien, die Geister aber “mit Gott in Verbindung treten und seinen Ruhm zu preisen vermögen. Hat man also einmal die Möglichkeit dieser “Hypothese der Übereinstimmung eingesehen, so sieht man auch, dass sie der Vernunft am besten entspricht und dass sei eine wunderbare Vorstellung von der Harmonie des Universums und von der Vollkommenheit der Schöpfung gibt.” (269, 6-13). Unter das, was nur die Geister tun können, fällt nach diesem Zitat neben der Gottesverehrung m.E. Wissenschaft treiben, altruistisch sein und Anderes.

Das Unterscheidungsmerkmal (c) ist freilich nicht zwischen Tier-Substanzen und Geist-Substanzen, sondern zwischen Körpern und Geistsubstanz. Da wir feststellten, dass zur vollkommenen Repräsentation auch die Selbstrepräsentation für alles Substanzen (Monaden) gefordert wird, kann man vermuten, dass es kein entscheidender Schritt ist, die “Hypothese der Übereinstimmung“ von Selbst und Universum zu perzipieren und wertzuschätzen.

Gerade in der Wertschätzung, in der Unterscheidung von gut/wertvoll und böse möchte Leibniz ja seine Unterscheidung (b) als den wichtigen Unterschied festmachen. Würde wieder dafür argumentieren, dass es etwas wie Wertschätzen schon im tierischen Bereich gibt, weil ja Tiere auch nach Zielen streben – die für sie i.a. gut sind.

Will man trotzdem eine scharfe Unterscheidung machen, erinnert mich das an Kierkegaard, für den die moralisch-ethische Ebene wegen der positiven Empfindung von Autonomie eine ganz neue Lebensqualität birgt. Ähnlich könnte man für die Getrenntheit der beiden Bereiche argumentieren, (d) weil Sprache und Begrifflichkeit etwas vollständig Neues ist. Wie Menschen, die in nicht mehr ganz jungen Jahren Zugang zur Sprache bekommen, vollständig davon angetan sind. Für beides, (b) und (d) sehe ich aber keine Grundlage im Leibniztext.