Gastbeitrag von Marc
Wenn jeder Körper, also jedes Monadenaggregat eine Zentralmonade (Entelechie oder Seele genannt) hat, welche dieses bestimmte Monadenaggregat bestimmt oder beherrscht, wie es in den §§ 63 und 70 heißt, so stelle ich mir dies folgendermaßen vor: Jede Zentralmonade ist dann wie ein Zentralgestirn, um welches unendlich viele andere Planeten (respektive Monaden) kreisen, die ihrerseits wiederum von unendlich vielen anderen Planeten umkreist werden. Ich würde dieses Bild wählen, weil hierin alle Monaden letzlich ihre eigene Bahn verfolgen, aber dennoch der Kraft ihrer Zentralmonade „gehorchen“. Ist diese Bild zulässig?
Weiter: Wo ich dann Probleme kriege, ist besonders in § 49 zu finden:
§ 49: „Ein Geschöpf, sagt man, wirkt nach außen, soweit es Vollkommenheit besitzt; und es erleidet etwas von einem anderen, insofern es unvollkommen ist. So schreibt man der Monade Tätigkeit zu, soweit sie deutliche Perzeptionen hat, und Leiden, insofern diese verworren sind.“
Jetzt fasse ich es so auf, dass die Zentralmonade aktiv oder handelnd gegenüber ihrem Körper, bzw. gegenüber denjenigen Monaden ist, für die sie die Zentralmonade ist. Meine Vernunftmonade (als der Zentralmonade meines Ich) ist also z.B. aktiv und handelnd gegenüber meinem Arm (wobei dessen Zentralmonade wiederum aktiv und handelnd gegenüber den Hautpartikeln auf meinem Arm ist, usw. bis ins Unendliche.
Gegenüber dem Arm meines Nachbarn bin ich aber nicht aktiv handelnd oder aber, wenn dieser mich schlägt, passiv und leidend. Das Ganze wird durch § 62 verdeutlicht, in dem es heißt, dass jede Monade den für sie bestimmten Körper in besonders deutlicher Weise vorstellt, im gegenüber als handelnd ist (weil ich bei Leibniz handelnd oder prinzipiell Aktivität als den umgangssprachlichen Ausdruck von Vorstellen und Perzipieren verstehe.)
(Dass dies alles durch die prästabilierte Harmonie vorherbestimmt ist, ist mir schon klar, tut zu diesem Problempunkt allerdings nichts zur Sache).
Jetzt zu dem eigentlichen Problem, dass ich damit habe: Jede Monade hat also umso mehr Aktivität oder kurz gesagt Macht, je mehr andere Monaden ihr gegenüber leidend sind. Das heißt aber auch: jede Monade hat umso mehr Macht, je mehr Monadenaggregate oder Körper ihr gegenüber zugeordnet, zu Eigen sind. Das wiederum würde bedeuten: je körperhafter ich bin, umso mächtiger bin ich und meine Macht drückt sich in meiner Körperhaftigkeit aus, oder in meinem möglichen Zugriff auf Körper.
Wenn aber Gott als das vollkommenste und das heißt allmächtige Wesen bestimmt wird, bekommt das Ganze dann nicht einen spinozistischen Zug? Man könnte dann das Ganze ja so interpretieren, dass alle Monadenaggregate, insofern sie von Gott abhängig und ihm gegenüber leidend sind, ihm in der Art zugehörig sind, dass Gott einfach ein Ausdruck für die ganze Welt ist.
Auf die einzelne Monade heruntergebrochen könnte das Problem, das ich hier habe, auch so formuliert werden: ist das „Ich“ nur die Zentralmonade oder die Zentralmonade + Körper.
Dem allem widersprichen natürlich viele Stellen, die so klingen, als würde sich Leibniz gezielt eher in die platon-plotin-Tradition stellen und die Körperhaftigkeit als Unreinheit, Abfall vom Göttlichen und Unvollkommenheit (so z.B. § 42.) Trotzdem scheint es mir so, als ob das Leibniz’sche System aus einer Perspektive gesehen etwas sehr spinozistisches hat.
10. Juni 2010 at 20:01
Glaube, das ist ein echtes Problem. Vermute Leibniz könnte so antworten, dass die Einheit (und damit die Zentralmonade), die ein einzelner Menschenkörper bildet, eine deutlicher empfindende und vorstellende Modade ist als beispielsweise eine den Jupiter dominierende Monade. Es kommt also nicht auf “materielle” Größe an, auch wenn es wichtig ist, dass jeder Monade was Körperliches zugeordnet ist.
Warum kann Gott mächtig sein, obwohl er, so verstehe ich Leibniz, nicht körperhaft ist? Eine sympatische Lösung wäre mir, dass Gott der “ganz Andere” ist, von dem man weder sagen kann, dass er körperlich, noch dass er nicht körperlich ist. Und dass für ihn normale Überlegungen, etwa dass zu Aktivität ein Beherrschen von untergeordneten Monaden gehört, einfach nicht zutrifft. Wenn Gott prästabilisiert, so vermute ich, so herrscht er nicht. Eigentlich: Man kann weder sagen, dass er herrscht noch dass er nicht herrscht (Aber das ist jetzt eher fromm im Sinne der negativen Theologie, vielleicht nicht so rational und erst recht nicht Leibniz.)